Erst ganz langsam beginnt den Südafrikanern zu dämmern, dass sie womöglich zu den Gewinnern der Globalisierung gehören. Denn alles, was einst gegen den ehemaligen Apartheidsstaat am Kap sprach, hat sich zurzeit scheinbar ins Gegenteil verkehrt.
Die starke Fragmentierung der südafrikanischen Gesellschaft wird so plötzlich zu einem Wettbewerbsvorteil. Längst verloren gegangene, aber traditionell starke Verbindungen der ,,Rainbow Nation” nach Ostasien, Indien und den angelsächsischen Sprachraum werden wieder belebt und jahrzehntelang ruhende Netzwerke werden neu geknüpft. Analysten sprechen mittlerweile ganz offen von ,,The Wirtschaftswunder” in Südafrika, wobei sie gar keinen Hehl daraus machen, wie sehr sie die Dynamik dieser Entwicklung teilweise selbst überrascht.
Mit viel Selbstbewusstsein weisen Internetportale wie www.business.iafrica.com auf beeindruckende Eckdaten der südafrikanischen Wirtschaft hin. Zugleich kritisieren sie die nach wie vor geltende Ignoranz der internationalen Wirtschaftsdienste wie Bloomberg oder CNN, die ,,ganz routiniert” Marktdaten aus dem südlichen Afrika ignorieren. Auch der Sender BBC musste kürzlich einen Bericht relativieren, nach dem Thailand im Jahr 2003 weltweit der leistungsfähigste Schwellenmarkt war. Süffisant wurde die British Broadcasting Corporation von südafrikanischen Ökonomen darauf verwiesen, dass dieser Bericht nur zustande gekommen sei, weil man afrikanische Daten ,,wie immer” beiseite gelassen habe. Tatsächlich habe Südafrika schon im vergangenen Jahr weit bessere Leistungsdaten vorzuweisen gehabt als Thailand, so die Experten.
Aber diese Form der Kritik spiegelt ein Luxusproblem wieder, auf das der kleine Nachbar Namibia nur mit Neid blicken kann. Hier ist man von einem ,,Wirtschaftswunder” noch Lichtjahre entfernt, obwohl doch ausgerechnet die Deutschen, die diesen Begriff einst geprägt haben, traditionell starke Verbindungen zu Namibia haben.
Namibia hat das Pech, dass das Wort ,,Globalisierung” in Deutschland noch gar nicht verstanden wird. Für die Deutschen bedeutet es ,,Gefahr”, ,,Konkurrenz”, ,,Jobverlagerung”, ,,Billiglohnländer”und ,,Verschwörung” der Großkonzerne, so wird es zumindest von den deutschen Leitmedien transportiert. Der Bundesverband der Deutschen Industrie, BDI, hat im vergangenen Jahr ein Strategiepapier veröffentlicht, in dem der Mittelstand, das Herz der deutschen Wirtschaftskraft, aufgerufen wird, sich doch endlich dieser Vorurteile zu entledigen und die Globalisierung als Chance zu begreifen.
,,Die deutsche Wirtschaft darf sich dieser Entwicklung nicht verschließen. Unsere (?) Erfahrungen haben gezeigt, dass viele Geschäftsmöglichkeiten aufgrund unzureichender Informationen nicht erkannt und aufgegriffen werden” heißt es in der BDI-Publikation ,,Wohlstand durch Handel und Investitionen weltweit”.
Gefruchtet hat dieser Aufruf nicht, das zeigt zum Beispiel das Handelsvolumen der deutschen Wirtschaft mit dem südlichen Afrika, das seit Jahren, wie in Stein gemeißelt, kümmerliche ein Prozent beträgt. Symbolhaft steht diese Zahl für ein Land, das standhaft ignoriert was in der Welt zurzeit passiert. Jürgen E. Schrempp, Vorstandsvorsitzender der DaimlerChrysler AG und zugleich Vorsitzender und Schirmherr der Safri-Initiative (Südliches Afrika Initiative der Deutschen Wirtschaft), ist deshalb nicht zu beneiden. Nach eigener Aussage ist das Ziel der Safri ,,das Augenmerk der deutschen Öffentlichkeit auf das wirtschaftliche Potenzial der 13 Länder der Southern African Development Community (SADC) zu lenken”. Denn: ,,Für diese Region werden bedeutende Wachstumsraten vorausgesagt. Sie wird sich in den kommenden Jahren schrittweise zu einem sehr interessanten Markt mit rund 225 Millionen Menschen entwickeln”, so Schrempp.
Aus: Allgemeine Zeitung, Windhoek, 17.11.2004, Stefan Grüllebeck