Die S-Bahn befördert Schüler und Pendler vom Hauptbahnhof Kapstadt ins 40 Kilometer entfernte Simon`s Town. “Biggsy`s Restaurant” prangt in blauen, schon etwas verwitterten Lettern an den leicht verschrammten Wagen.
Der legendäre Posträuber Ronald Biggs hätte jedoch wohl kaum mit dem Gedanken gespielt, das städtische Transportmittel auf dem Weg zur Halbinsel am Südwestzipfel Südafrikas zu überfallen. Warum auch? Goldbarren und Geldsäcke hat der Zug nicht zu bieten, Luxuskomfort auch nicht. Dafür aber eine unbezahlbare Aussicht auf den Atlantischen Ozean: Mehr als die Hälfte der rund einstündigen Fahrt führt unmittelbar am Meer vorbei. Ein Logenplatz auf Schienen, der die Sehenswürdigkeiten rund um die südafrikanische Millionen-Metropole abklappert und kleine, feine Gastronomie anbietet.
Steve ist ganz enttäuscht von den Wellen, die heute sanft und verschlafen ans Ufer schwappen. “Das ist alles viel aufregender, wenn richtig große Brecher ans Fenster schlagen”, sagt der Pensionär. Der Zug hat gerade Muizenberg erreicht. Nach halbstündiger Monotonie durch die Flachbauten-Vororte Kapstadts trifft er hier erstmals auf die Küste, die so genannte False Bay - jene Bucht, in der Seefahrer früher auf dem Weg von Ost nach West fälschlicherweise meinten, schon das Kap der Guten Hoffnung erreicht zu haben.
Kilometerweit erstreckt sich die Bucht, der ausladende Strand zähmt die Wucht der Wellen. Muizenberg ist ein Surferparadies, unzählige Gestalten im Trockenanzug tummeln sich hier. Patrick steigt aus, Surfbrett unterm Arm. Er liebt es, mit der S-Bahn zu fahren. Erstens hat der 30-jährige Elektriker aus der Schweiz kein Auto. Zweitens sei es viel bequemer, sich nach einem anstrengenden Wellenritt in den Zug zu kuscheln.
Während Patrick zum Strand schlendert und die Bahn zum nächsten Ort bummelt, schiebt Steve noch hinterher, dass in Muizenberg Cecil Rhodes gestorben sei. “Das war wohl der einflussreichste britische Kolonialist in Afrika. Sein Ferienhaus steht bis heute hier.” Nächster Stopp ist St. James. Es geht vorbei an bunten Holzhäuschen. Knallblau, rot, grün oder gelb gestrichen, stehen die alten Umkleidekabinen wie Wächter vergangener viktorianisch-prüder Zeiten am Strand.
“Kennen Sie Snoek?”, fragt Steve. Der Seehecht werde hier an der Küste gefangen. “Er schmeckt ausgezeichnet.” Steve bestellt sich ein “Classic Rail Style Sandwich” plus Bier. Macht 19 Rand, rund 2,50 Euro - für Europäer moderate Preise. “Viele Touristen fahren mit uns”, sagt Ivor Nel, Pächter des Restaurantwagens. “Sie genießen die Kombination aus Sightseeing und Mahlzeit.” Ein dreigängiges Menü gibt es ebenso wie einen Sundowner an der Bar oder am Wochenende das Champagner-Frühstück, mit 47 Rand in der oberen Preisklasse.
Die Gäste in dem weiß-blau gehaltenen Großraumwagen sitzen an Vierertischen. Fast alle Fenster sind offen. Vor allem in den Monaten November und Dezember kommen Touristen laut Nel voll auf ihre Kosten: “Dann kommen die Wale zur Küste, vom Zug aus kann man sie ganz gemütlich beobachten.” Nels Restaurant rollt gerade durch Kalk Bay, am Hafen vorbei. Kalk Bay ist Fischernest und Flohmarkt zugleich, steht für viel Nippes, aber auch für Möbel, Cafés und Kunsthandwerk.
Kurz vor Fish Hoek schwimmen riesige Tangfelder im Wasser. Sie hinterlassen braune Spuren am Strand und auf dem Beton, der die Brandung brechen soll. Das stört die Liebespaare kaum, die auf den Bänken hinter der Bucht aufs Meer schauen. Fish Hoek hat einen schönen weißen Strand und ebenfalls ein paar bunte Badehäuschen und ist ansonsten ein eher ruhiger Ort mit Internet-Cafés, Supermärkten und Restaurants.
Simon`s Town rückt näher. Auf dem letzten Teilstück geht es durch die Dünen hindurch. Die Schienen liegen im Sand, rechts und links weiße Hügel, durchsetzt mit kleinen grünen Büscheln. Im Hintergrund als verlässliche Variable das Kapmassiv. Der Marinestützpunkt ist berühmt für seine Pinguin-Invasion. Tausende Brillen-Pinguine lassen sich hier alljährlich am Strand nieder. Mitunter verirren sich die Frackträger sogar auf die Straßen, weshalb eigene Verkehrsschilder vor kreuzenden Exemplaren warnen.
Und hier lüftet Ivor schließlich das Geheimnis um den Namensgeber Ronald Biggs. Der habe eigentlich gar nichts mit “Biggsy`s Restaurant” zu tun. 1995, als der Kap-Zug ins Leben gerufen wurde, war der Posträuber jedoch in aller Munde. “Er war einfach Stadtgespräch. Und eine bessere Reklame für unseren Zug hätten wir uns nicht wünschen können.”
Informationen: Das rollende Restaurant ist von dienstags bis sonntags geöffnet. 32 Sitzplätze stehen zur Verfügung. Es empfiehlt sich, im Voraus zu reservieren (Tel. von Deutschland: 0027/217 88 77 60). Der “Buffet Car” fährt am Hauptbahnhof Kapstadt ab, Plattform 1.
Für Touristen besteht laut Betreiber zwar keine erhöhte Gefahr, was Kriminalität betrifft. Das Tragen von teuren Handtaschen und Schmuck sollte aber vermieden werden.
Eine Fahrt 1. Klasse kostet 23,50 Rand (rund 3 Euro).
Aus: www.n-tv.de, 05.09.2005