Von Mönchen und anderen Menschen
Es gibt etwas, was jedem Gebiet eigen ist. Eine Art unsichtbarer Faden, der sich dem erschließt, der sich so ausführlich mit einem Gebiet befasst, wie es Autoren eines Reiseführers tun. Bei meinem Trentino-Buch war es diese Polarität, die bei der Schmetterlingsform beginnt und sich im ganzen Gebiet fortsetzt. Bei der Provence war es die Tatsache, dass wohl kaum eine andere Weltengegend derart viele berühmte Menschen hervorgebracht oder inspiriert hat. Und auf Zypern - von dem hier die Rede sein soll - waren es die Begegnungen mit Menschen. Nicht mit berühmten, denn an Größen von Weltrang hat Zypern nur einen einzigen hervorgebracht - den Philosophen Xenon. Aber die so bewegte Geschichte der Insel hat ihr etwas anderes gegeben: eine Weltläufigkeit, die man auf einem bis vor wenigen Jahren noch eher ländlichen Fleckchen Erde kaum vermutet. Wer offen auf Zypern unterwegs ist, wird nie alleine sein, immer kommt man ins Gespräch, wird eingeladen und beschenkt, beschenkt mit Geschichten, die das Leben und die große Geschichte dahinter geschrieben hat.
Im folgenden Begegnungen einer einzigen Woche auf Zypern mit Menschen, die ganz individuell sind, mit Menschen von heute und deren ureigene Geschichte doch Teil der langen Geschichte der Insel ist. Menschen, die nicht auf Zypern wären, wäre die Geschichte der Insel anders verlaufen.
Brian ist Brite, war aber die wenigste Zeit seines Lebens in seinem Heimatland. Er war Englischlehrer und lebt nun als Pensionär mit seiner Frau in Pissouri in einem der neuen Appartementhäuser am Rande des Dorfes. Kennengelernt habe ich ihn im Hotel King Richard in Limassol. Seine Frau hatte ihm Hausverbot erteilt, um mal einige Tages “ohne sein Geschwätz” zu sein - wie er ziemlich wortreich erzählte. Brian liebt nicht nur die Worte sondern auch die Frauen, und das tat er mir auch kund, nicht ohne Bedauern, dass er die 60 schon weit überschritten hatte und gerne jünger wäre, denn dann, ja dann… So kamen wir also ins Gespräch und er erzählte, dass er einst der Privatlehrer des Sultans von Oman war und somit - wie Brian mit Stolz erzählte - der höchstbezahlte Englischlehrer aller Zeiten. Dass Brian heute auf Zypern lebt, hat mit der englischen Periode der Insel zu tun, denn auf Zypern gibt es viele britische Pensionäre, ein Überbleibsel aus der britischen Besatzungszeit.
Auch ein Mönch, dessen Name hier diskret verschwiegen sein soll, liebt die Frauen. Er stammt aus dem Norden Zyperns, kam nach der Teilung in den Süden und lebte lange Zeit im Kloster Stavrovouni, damals waren dort noch Frauen zugelassen. Und B. war als alleine oben im Kloster, die Mönche lebten unten. Warum er nun ganz alleine in seinem Kloster lebte und warum nach seinem Auszug aus Stavrovouni dort keine Frauen mehr zugelassen sind, das alles soll im Bereich der Spekulation bleiben. Wer aber B., den alten Mönch heute kennenlernt, fühlt die tiefe Einsamkeit dieses Mannes, der wohl nicht aus spirituellen Gründen Mönch wurde, sondern eher aus wirtschaftlicher Not. Seine Sehnsucht nach einer Frau, einer Lebensgefährtin, hat etwas herzzereißendes an sich. Er kocht Kaffee, entkorkt eine Flasche Wein, pflückt Orangen und sucht die Berührung, Hautkontakt, Wärme - die einer Frau, einer Frau an sich. B. ist Teil der byzantinischen Geschichte Zyperns, und vielleicht durch seine menschliche Wärme gottgefälliger als manch ein anderer byzantinscher Mönch, der linientreuer, aber doch ungleich arroganter in seiner vermeintlichen Nähe zu Gott ist als dieser einfache Mönch B., der, hätte es das Schicksal anders mit ihm gemeint, wohl das Göttliche im sehr Irdischen gefunden hätte.
Einsam war auch A. die Deutsche, die hier ihren Freund besucht hatte. Sie hatte ihn über das Internet kennengelernt und auf Zypern besucht, wo er in Nicosia als UN-Soldat beschäftigt war. Nur - als sie dann auf Zypern ankam, war er schon wieder abkommandiert, nach Sierra Leone in Afrika. A. wäre nicht auf Zypern gewesen, hätte es die Teilung nicht gegeben. Es gibt eben keine Zufälle. Oder doch? Denn als A. nach Hause kam, musste sie feststellen, dass Ihr Internet-Freund noch einen anderen heißen Flirt hatte: Ihre Freundin, die nur eine Straße weiter wohnt. Was Ihr UN-Soldat kaum ahnen konnte…
Dann die Begegnung im türkischen Bad in Nicosia, im Süden der Stadt. Kaum mehr als eine Ruine ist dieses Bad und wirkt, wie schon seit Jahren geschlossen. Doch Reisebuchautoren sind wie Bluthunde, die sich nicht so leicht von ihrer Fährte abbringen lassen. Und tatsächlich: das Bad ist noch in Betrieb. Liebevoll instand gehalten, vorausgesetzt, man hält penible Ordnung nicht für den einzig wahren Lebensentwurf. Denn in der Mitte des Ruheraums türmen sich Schachteln über Schachteln, stehen vermooste Kühlschränke und allerhand anderes undefinierbares Gerümpel. Doch die Ruhestätten sind mit Kissen ausgelegt, Badenschlappen stehen ordentlich aufgereiht vor den Liegen, Bademäntel hängen der Reihe nach an den Wänden - noch immer schitzen hier ein paar Unentwegte inmitten einer Beinahe-Ruine. Dieses türkische Bad im griechischen Süden der Stadt ist Teil der osmanischen Geschichte Zyperns und durch die Teilung seines einst florierenden Schwitzbadlebens beraubt.
Und dann die Begenung mit dem georgischen Mönch Zacharias, von dem ich in meinem Zypern-Reisefüherer berichtet habe. Nicht geschrieben habe ich, dass diese Glaubensgemeinschaft etwas Merkwürdiges umgibt. Was das genau ist, hätte ich nicht sagen können. Vielleicht das Verschworene der Brüder im Glauben um Zacharias. Vielleicht auch das Beobachtende einiger Mitstreiter Zacharias, wenn er seine sonntägliche Messe im Wald im Green Valley an der Westküste feiert (darüber habe ich in meinem Zypern-Reiseführer berichtet). Zacharias möchte hier an eine ein Jahrtausend zurückliegende Vergangenheit anknüpfen, als es hier eine blühende georgische Klostergemeinschaft gab. Doch nicht nur dies ist der Faden zur langen Geschichte der Insel, denn es war in jüngster Zeit Erzbischof Makarios, der eine gute Beziehung zur russischen Kirche und zum untergegangenen kommunistischen Regime hatte.
Ganz tief in die frühe Geschichte der Insel reicht die folgende Begegnung zurück: Beim Flanieren durch Nicosia, dieser durch die Teilung in ihrer Altstadt so melancholisch verfallenen Stadt, ging eine Hautür auf und eine Hand reichte eine Katze nach der anderen nach draußen. So an die zehn Tiere mögen es gewesen sein, die die geheimnisvolle Hand ins Freie setzte. Der bald auch der dazu gehörige Kopf folgte. Was es hier denn zu lachen gäbe, wurden wir in harschen Ton gefragt. Diesen kleinen Moment der Unaufmerksamkeit haben die schlauen Katzen ausgenutzt und sind der Reihe nach allesamt zurück ins Haus geschlüpft. Haustiere, deren Geschichte auf Zypern auf mehr als 9000 Jahre zurückgeht, wie jüngste Ausgrabungen ergeben haben. Nie habe ich eine Gegend kennen gelernt, in der selbst die früheste Geschichte soweit in die Gegenwart reicht, wie es auf Zypern der Fall ist.
Cony Ziegler